Chinas FSDC gibt Ausblick auf Wirtschaftspolitik in 2022 – Ein Kurzüberblick

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Mitte März 2022 hat das Komitee für Finanzielle Stabilität und Entwicklung (FSDC), das vom chinesischen Vizepräsidenten Liu He geleitet wird, einen Ausblick auf kurzfristige wirtschaftspolitische Maßnahmen gegeben. Wir erachten diese Kommunikation auch als Reaktion auf einen Abverkauf chinesischer Aktien und Anleihen und der erhöhten Unsicherheit im Markt in Bezug auf die chinesische Wirtschaft und Regulatorik. Die chinesische Regierung hat außerdem kürzlich den jährlichen “Government Work Report” veröffentlicht, in dem wirtschaftliche Ziele und Pläne für das Jahr 2022 beschrieben werden und die diplomatische und internationale Situation kommentiert wird. Im “Government Work Report” wird das Wort “Stabilität” 76 Mal genannt, was aus unserer Sicht darauf hindeutet, dass sich der Fokus der Regierung weg von strukturellen Reformen hin zu Wirtschaftswachstum bewegt hat. Dies ist auch vor dem Hintergrund des anstehenden Volkskongresses im November 2022 zu sehen, bei dem Generalsekretär Xi Jinping zum zweiten Mal wiedergewählt werden soll.

Basierend auf den Äußerungen des FSDC und aus dem “Government Work Report” erwarten wir ein konstruktiveres regulatorisches, fiskal- und geldpolitisches Umfeld in diesem Jahr (mehr zu unserer China-Hypothese in unserem vorherigen Kurzüberblick). Die aktuelle Kommunikation der Regierung bezieht sich maßgeblich auf vier Bereiche, die wir in diesem Kurzüberblick erläutern werden.

Expansive Geld- und Fiskalpolitik

Im Rahmen des FSDC-Meetings hat Vizepräsident Liu He bekräftigt, dass die chinesische Regierung das BIP-Wachstumsziel von 5,5% durch geldpolitische und fiskalpolitische Maßnahmen unterstützen wird. Diese Maßnahmen sollten die chinesische Wirtschaft bereits im ersten Quartal 2022 unterstützen, jedoch wurden bisher über die Natur der Maßnahmen noch keine weiteren Details bekannt. Wir erwarten, dass signifikante Maßnahmen erst im zweiten Quartal 2022 implementiert werden. Hierzu hat die Zentralbank im Wesentlichen drei Instrumente:

  1. Eine Reduktion des “Benchmark-Zinsniveaus”, also des Leitzinsniveaus über verschiedene Zeiträume

  2. Eine Reduktion der “Medium Lending Facility”, was zu verbesserten Refinanzierungskonditionen für Geschäftsbanken führt. Durch diese Maßnahme soll das moderate Wachstum der Kredite beibehalten werden

  3. Eine Reduktion der Mindestreserveanforderungen (RRR - Reserve Requirement Ratio), also der Höhe der Pflichtguthaben, die Kreditinstitute bei Vergabe von Krediten bei der chinesischen Zentralbank hinterlegen müssen. Durch diese Reduktion der Zentralbankgeldmenge wird das Geldangebot erhöht und die Kreditvergabe durch Banken an Unternehmen stimuliert

Außerdem geht aus dem “Government Work Report” hervor, dass die chinesische Regierung Steuererleichterungen in Höhe von 2,5 Billionen RMB implementieren möchte mit denen auch Kleinunternehmen unterstützt werden sollen. Aus der zu erwartenden, expansiven Fiskal- und Geldpolitik ergibt sich somit in China ein deutlich anderes Umfeld als in Europa und insbesondere den USA.

Milderung der “Crackdowns” und mehr regulatorische Transparenz

Die chinesische Regierung hat im letzten Jahr umfassende regulatorische Maßnahmen implementiert und das regulatorische Umfeld signifikant verändert, insbesondere im Tech-Sektor, aber auch im Immobiliensektor (weitere Infos zur Regulierung des chinesischen Technologiesektors findet ihr in unserem China-Exkurs). Durch den sog. “Tech-Crackdown” waren Unternehmen zu strategischen, aber auch operativen Anpassungen gezwungen, die mit einer Veränderung der Marktpositionierung und teilweise auch einem signifikanten Verlust von Wachstumsmomentum in 2021 einhergingen. Hierzu wurde vom FSDC angekündigt, dass die – weiterhin bestehende – Aufsicht in Zukunft standardisierter, transparenter und somit vorhersehbarer sein wird. Wir gehen davon aus, dass der Scheitelpunkt der Regulierung überschritten ist und die Unternehmen in 2022 überwiegend auch in von Regulierung betroffenen Bereichen auf den Wachstumspfad zurückkehren können. Darauf deuten auch die Äußerungen der Unternehmen selbst, so z.B. Tencent in ihrer Q4 2021 Präsentation – hier sieht man den Verlust von Wachstumsmomentum und einen konstruktiveren Ausblick.

Reduktion des Delisting-Risikos

Derzeit sind über 200 chinesische Unternehmen an US-amerikanischen Börsen gelistet. Auf Basis des “Holding Foreign Companies Accountable Acts” (HFCAA) stellen die US-Behörden gewisse Anforderungen an die Offenlegung der Ergebnisse der Wirtschaftsprüfung sowie die Zertifizierung der jeweiligen Wirtschaftsprüfer durch das “Public Company Accounting Oversight Board” (PCAOB). Diese Zertifizierung ist aktuell bei chinesischen Unternehmen aufgrund von chinesischen Gesetzen nicht möglich. Aus dem HFCAA geht hervor, dass ausländische Unternehmen ihre Notierung an US-Börsen verlieren, wenn sie in drei aufeinander folgenden Jahren nicht diesen Offenlegungspflichten nachkommen können. Vor diesem Hintergrund besteht ab 2024 ein Delisting-Risiko für viele der in den USA gelisteten chinesischen Unternehmen.

Anfang März 2022 sind daher eine Reihe chinesischer Unternehmen mit US-Börsennotierung unter Druck geraten, da die SEC fünf Unternehmen identifiziert hat, die unter die Regulierung des HFCAA fallen. Mittlerweile wurde ein sechstes Unternehmen auf die Liste genommen. Wir erwarten, dass diese Liste in den kommenden Wochen um den Großteil der in den USA gelisteten chinesischen Unternehmen ergänzt wird und rechnen mit erhöhter Volatilität in diesen Titeln.

Nachdem die chinesische Regierung bereits Ende letzten Jahres die Legitimität der VIE-Struktur bekräftigt hat, wurde aus den Äußerungen des FSDC deutlich, dass es Fortschritte in Bezug auf US-Notierungen von chinesischen Unternehmen gibt. Es wurde betont, dass “Behörden Chinas und der USA eine gute Kommunikation aufrechterhalten und positive Fortschritte erzielt haben". Die chinesische Regierung bereite sich wohl darauf vor, Zugeständnisse bei der Offenlegung von Wirtschaftsprüfungsdaten zu machen. Außerdem wurde bekräftigt, dass die chinesische Regierung weiterhin Börsengänge chinesischer Unternehmen an ausländischen Börsen unterstützt. Die Reaktion der US-Behörden auf diesen Vorstoß bleibt abzuwarten. Wir werten die Äußerungen als Schritt in die richtige Richtung und als Reduktion des De-Listing-Risikos.

Abschließend möchten wir noch auf das De-Listing-Risiko bereits in Hong Kong gelisteter Unternehmen wie Tencent, Baidu und Alibaba eingehen: Wir konnten in den letzten Wochen eine weitere Erhöhung der in Hong Kong gehaltenen Aktien im Vergleich zu US-Börsenplätzen beobachten (einsehbar auf der Website der Hong Kong Stock Exchange) und gehen davon aus, dass sich dieser Trend fortsetzen wird. Mit steigendem Investitionsgrad in Hong Kong wird ein entsprechendes De-Listing-Risiko weniger relevant für den mittel- bis langfristigen Aktienkurs der Unternehmen. Auch mit den 10xDNA-Fonds halten wir, wenn möglich, chinesische Aktien in Hong Kong. Lediglich 360 DigiTech halten wir derzeit an der US-amerikanischen NASDAQ, da bisher noch kein “Dual-Listing” besteht. Während der UBS 2022 Greater China Conference Anfang Januar bekräftige das 360 Digitech Management jedoch, dass eine Börsennotierung in Hong Kong noch in diesem Jahr geplant ist.

Mehr Pragmatismus im Umgang mit Covid-19-Pandemie

Chinesische Behörden zeichneten sich bisher durch einen vergleichsweise rigorosen Umgang mit der Covid-19-Pandemie aus. Im Rahmen der “Zero-Covid”-Politik wurden bereits bei geringen Fallzahlen ganze Städte in einen Lockdown versetzt. Zuletzt musste Tesla die Produktion der Gigafactory Shanghai wegen Corona-Auflagen unterbrechen. Aus dem jüngsten “COVID-Diagnose- und Behandlungsplan” der chinesischen Regierung entnehmen wir, dass zunehmend “westliche” Ansätze zur Bekämpfung der Pandemie genutzt werden sollen. Es werden nun Antigen-Schnelltests zur Erkennung von Infektionen genutzt und es wurden zwei Covid-Medikamente zugelassen, darunter Paxlovid vom US-Pharmakonzern Pfizer. Die Worte “Dynamic Clearing”, die als Synonym für die sog. “Zero-Covid”-Politik gelten, sind gänzlich aus dem kürzlich veröffentlichten “Government Work Report” gestrichen. Wir gehen daher davon aus, dass die Regierung um Xi Jinping, der in diesem Jahr für eine dritte Amtszeit gewählt werden möchte, mehr Pragmatismus im Umgang mit der Covid-19-Pandemie zeigen wird.

Fazit

Aus unserer Sicht stützen die oben genannten Faktoren unsere Hypothesen auf China (mehr dazu in unserem vorherigen Kurzüberblick). Einzelne Marktbeobachter haben die entsprechenden Statements sogar mit dem “Fed Put” verglichen, also der Annahme von Investoren, dass die amerikanische Notenbank in schlechten Zeiten, wie beispielsweise der Finanzkrise oder dem ersten Covid-19 Ausbruch in 2020, immer zur Stelle ist, um die Märkte zu stützen (diese gilt aktuell auf Basis der Nullzinsen sowie der Inflationszahlen nicht mehr). So weit gehen wir nicht. Wir gehen davon aus, dass die beschriebenen Entwicklungen generell zur positiven Wertentwicklung chinesischer Aktien beitragen werden. Wir glauben allerdings auch, dass es weiterhin klare Risikofaktoren gibt:

  1. China ist ein autokratisches System, in dem Entscheidungen nicht mit demokratischer Mehrheit getroffen werden müssen. Vor diesem Hintergrund besteht bei Investments immer ein grundsätzliches politisches Risiko

  2. Weiterhin unsichere wirtschaftliche Entwicklung u.a. getrieben durch weitere Covid-19 Ausbrüche und das Risiko der Instabilität des Immobiliensektors

  3. Geopolitisches Risiko aus der Positionierung Chinas vis-a-vis Russlands, der Beziehungen mit den USA sowie der Entwicklung der Situation in Taiwan

  4. Ein erneuter Schwenk im Bereich Regulierung, insbesondere im Bereich Technologie sowie das weiterhin bestehenden De-Listing Risiko ab 2024

  5. “VIE”-Strukturen (siehe unser vorheriger Artikel), die die Grundlage aller Listings außerhalb von Mainland China sind

Unter Abwägung des Chance/Risiko-Profils und der Einbeziehung der aktuell vergleichsweise niedrigen Bewertungsniveaus für chinesiche Aktien kommen wir weiterhin zu dem Schluss, dass wir aktuell ein etwa 15%iges Exposure zu chinesischen Technologieaktien im Fonds abbilden werden.