Deep-Dive: Shared Mobility

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Wir haben es in unserer Übersicht zum Mobilitätssektor bereits angerissen: Der Bereich Shared Mobility stellt aus vielerlei Hinsicht eine wichtige und wünschenswerte Entwicklung dar. Die Fahrzeuge wären besser ausgelastet, die Kosten für Nutzer würden sinken und zudem würden unsere Straßen entlastet und viele wertvolle Ressourcen eingespart werden.

Dass die aktuelle Fahrzeughaltung ineffizient ist, ist unumstritten: Im Durchschnitt werden Autos nur 5 % der Zeit genutzt und stehen zu 95 % auf einem Parkplatz, der Stadtfläche einnimmt und oftmals Geld kostet. Die Entwicklungen im Bereich Shared Mobility zielen darauf ab, diese Ineffizienzen auszugleichen.

Diagramm: Private PKW werden nur 5% der Zeit genutzt

Eine der gängigsten Formen der Shared Mobility ist Ride-Hailing, betrieben von Unternehmen wie Uber, Lyft oder DiDi in China. Bei ihnen wird via App eine Fahrt zu einem festgelegten Preis gebucht. Zu solchen Services gehören auch Carsharing-Modelle wie der deutsche Anbieter ShareNow, die zunehmend in Großstädten aufzufinden sind. Daneben gibt es noch die sogenannten Mikromobilitäts-Dienstleistungen für die sogenannte “last mile”. Hier handelt es sich meist um eScooter, eBikes oder normale Fahrräder, die ausgeliehen und an einem beliebigen Ort innerhalb bestimmter Zonen wieder abgestellt werden können. Bekannte Anbieter sind unter anderem NextBike, Lime und Tier Mobility.

Für 2021 wird die Größe des globalen Shared-Mobility-Marktes auf 251 Milliarden US-Dollar geschätzt, die Märkte im asiatisch-pazifischen Raum und in Nordamerika machen jeweils rund 49 Milliarden US-Dollar aus. Im Jahr 2027 wird der Markt voraussichtlich 1000 Milliarden US-Dollar erreichen, woraus sich eine CAGR von 25,9 % ergibt.

Diagramm: Marktanteil von Shared Mobility

BCG geht davon aus, dass wir in den nächsten vier Jahren weltweit einen Shared Mobility Marktanteil von 4 % sehen werden und im Jahr 2035 fast ein Fünftel der zurückgelegten Kilometer auf Shared Mobility Services zurückzuführen sein werden.

Die Marktanalyse unseres Research-Teams hat ergeben, dass die größten disruptiven Veränderungen im Bereich Ride-Hailing zu erwarten sind, ausgelöst durch die Entwicklung zweier Schlüsseltechnologien: Elektrifizierung und autonomes Fahren. Daraus ergeben sich die folgenden Hypothesen.

Ride-Hailing befindet sich noch in einer frühen Phase der Marktdurchdringung und wird in den kommenden Jahren exponentiell wachsen, insbesondere im chinesischen Markt.
Hypothese 1

Das veränderte Konsumentenverhalten wird zu einer stetig wachsenden Nachfrage nach Shared-Mobility-Angeboten führen. Vor allem jüngere Generationen hinterfragen zunehmend den Besitz eines Autos. In den USA sank zwischen 2001 und 2009 die durchschnittliche Anzahl der gefahrenen Kilometer bei den 16- bis 34-Jährigen um 23 Prozent, da sie weniger und kürzere Strecken fahren und zudem einen größeren Anteil der Fahrten mit anderen Verkehrsmitteln als dem Auto durchführen. Dieser Trend dürfte sich in den vergangenen 10 Jahren fortgesetzt haben und durch die jüngsten Entwicklungen im Bereich remote work nochmal beschleunigt worden sein. Auch wenn Shared-Mobility-Angebote in 2020 durch die Pandemie Einbrüche verbuchen mussten, sehen wir langfristig einen sich fortsetzenden Trend hin zu mehr Angebot und Nachfrage.

Insbesondere im chinesischen Markt findet diese neue Form der Mobilität viel Anklang. 2018 unternahmen in China 550 Millionen Menschen über 10 Milliarden Fahrten über die DiDi-App – fast doppelt so viele wie Uber weltweit. Ziel von DiDi ist es, bis 2022 den gesamten chinesischen Mobilitätsmarkt um 8 % zu durchdringen. Das Wachstum der Autoverkäufe in China ist seit Juni 2018 rückläufig – der erste Rückgang seit den 1990er-Jahren.

Shared Mobility Services werden die Anzahl der PKW in Privatbesitz weiter reduzieren. 58 % der Fahrer, die sich kürzlich von ihrem Fahrzeug getrennt haben, gaben an, dass sie ihr Auto nicht ausrangiert hätten, wenn es nicht die Verfügbarkeit von Diensten wie Lyft gäbe.

Diese Entwicklungen zeigen, dass sich das Konsumentenverhalten ändert. Kosten und Komfort stehen zunehmend an erster Stelle, das Auto als Statussymbol rückt immer mehr in den Hintergrund.

In urbanen Gebieten ist die Akzeptanz und Bereitschaft zum Umstieg auf MaaS (Mobility as a Service) deutlich höher als in ländlichen Gebieten.
Hypothese 2

Insbesondere in den Stadtzentren wird das Angebot von Mobility as a Service mit zunehmendem Interesse wahrgenommen. Ein Bericht, der von Lyft und Uber in Auftrag gegeben wurde, zeigte, dass 2018 die Ride-Hailing-Unternehmen etwa 7 % aller mit Fahrzeugen zurückgelegten Meilen im Kerngebiet von D.C. ausmachten. In San Francisco waren etwa 13 % aller Fahrzeugkilometer auf die Dienste von Uber und Lyft zurückzuführen, in Boston 8 %, in Chicago und Los Angeles 3 % und in Seattle 2 %. Die Zahlen sind ein Indiz für das steigende Interesse an Ride-Haling-Diensten vor allem in Großstädten.

In städtischen Gebieten sind sowohl das Angebot als auch die Nachfrage nach Mobility-as-a-Service höher als in ländlichen Gebieten. Laut Oliver Wyman lebt heute etwas mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten; bis 2050 werden 70% der Menschen in Städten leben. Die Urbanisierung ist demnach ein zusätzlicher Treiber der steigenden Nachfrage nach MaaS. Laut BCG werden Shared-Mobility-Angebote bis 2035 18 % der städtischen Fahrten ausmachen.

Die Bereitstellung in urbanen Gebieten ist auch für die Mobilitätsanbieter von Vorteil: Generell funktionieren diesem besten in dicht besiedelten Stadtgebieten mit guten öffentlichen Verkehrsnetzen und ergänzen sinnvoll den öffentlichen Nahverkehr. Vorrangig sind es Stadtbewohner mit einem überdurchschnittlichen Einkommen und Bildungsniveau, die die neuen Dienste nutzen. Sie besitzen seltener ein Fahrzeug und sind stärker auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen, vor allem für den Arbeitsweg.

Um die Akzeptanz von Ride-Hailing-Services voranzutreiben, müssen sie günstiger werden.
Hypothese 3

Ridesharing muss vor allem auf der Kostenseite konkurrenzfähiger werden. Obwohl es derzeit günstiger ist als das traditionelle Taxi, ist jeder zurückgelegte Kilometer immer noch doppelt so teuer wie mit dem eigenen Auto. Der Total Cost of Ownership eines eigenen Autos liegt bei ca. 0,45 € pro Kilometer bei einem Wagen der Mittelklasse. Ein Uber kostet aktuell im Durchschnitt 1,05 € pro Kilometer.

Gepoolte Dienste, bei denen mehrere Fahrgäste auf einer Fahrt gesammelt werden, könnten dazu beitragen, die Kosten pro Fahrt zu senken. Jedoch müssen hier die Routing-Algorithmen zur Zuordnung von Fahrgästen zu Fahrten noch besser werden, um die Fahrzeit für die Fahrgäste und Umwege möglichst gering zu halten.

Aktuell gehen 80 % des Bruttobuchungsvolumens von Uber direkt an die Fahrer, weshalb es dem Unternehmen schwerfallen dürfte, seine Kosten pro gefahrenem Kilometer deutlich zu senken. Dieser Kostenpunkt könnte sich jedoch perspektivisch durch autonomes Fahren maßgeblich reduzieren oder sogar komplett wegfallen.

Eine konsequente Elektrifizierung der Ride-Hailing-Flotten könnte die Kosten für Anbieter und Verbraucher effektiv senken.
Hypothese 4

Der Einsatz einer elektrischen Ride-Hailing-Flotte hat das Potenzial, die laufenden Kosten gegenüber dem herkömmlichen Verbrenner um bis zu 50 % zu senken. Unabhängig von den ökonomischen Anreizen steigen der gesellschaftliche Druck und die Nachfrage nach nachhaltiger Mobilität zunehmend. Uber reagiert entsprechend und plant, bis 2030 auf “100 Prozent” Elektrofahrzeuge umzusteigen. Diese Transformation dürfte allerdings einige Herausforderungen mit sich bringen, da die meisten Uber-Fahrer nicht direkt angestellt sind und ihre eigenen Autos nutzen.

Zum heutigen Zeitpunkt sind nur 0,5 % der Ride-Hailing-Fahrzeuge in den USA elektrisch. In China beträgt der Anteil bereits 21 %. Insbesondere das chinesische DiDi, das größte Ride-Hailing-Unternehmen der Welt, geht mit gutem Beispiel voran und hat etwa eine Million E-Fahrzeuge in seinem Netzwerk. Bis 2028 sollen es zehn Millionen werden, so David Xu, DiDis Strategiechef. Diese Transformation ist dem Unternehmen ohne eigene Anreize für die Fahrer gelungen. Mindestens 22 Großstädte in China, darunter Shenzhen und Guangzhou, haben schlichtweg strengere Auflagen für Ride-Hailing-Fahrzeuge erlassen, die oftmals vorschreiben, dass neue Fahrzeuge elektrisch oder mit einem anderen emissionsfreien Antrieb ausgestattet sein müssen.

Das größte Potenzial für die kosteneffiziente Marktdurchdringung der Shared Mobility liegt in der Adaption von autonomen Fahren. Mittel- bis langfristig könnte durch autonome Dienste ein Großteil der gefahrenen Kilometer über Shared-Mobility-Anbieter zurückgelegt werden.
Hypothese 5

Wie am Beispiel Uber bereits vorweggenommen, ist autonomes Fahren der wohl größte Hebel, um die Kosten für Ride-Hailing-Dienste zu senken. Die prognostizierten Kosten für Mobilitäts­dienstleistungen (MaaS) durchgeführt von autonomen, elektrischen Fahrzeugen werden günstiger sein als nicht-autonome Taxi-Flotten oder Shared-Mobility-Dienstleister wie Sharenow. Die Autonomie ist für diese Firmen ein entscheidender Schritt, um konkurrenzfähig zu bleiben.

Eine Studie von ARK geht davon aus, dass autonome Taxis die Verbraucher mittelfristig 0,25 US-Dollar pro Meile kosten werden. Weiterhin schätzt Ark, dass der adressierbare Markt eines Robotaxi-Netzwerks zwar 100-mal größer als der eines Ride-Hail-Dienstes ist, Tesla aber früher und vorhersehbarer Gewinne erwirtschaften kann, wenn es beide Dienste anbietet. Die Modellierungen von ARK deuten darauf hin, dass Ride-Hail im Jahr 2025 die wiederkehrenden Betriebseinnahmen von Tesla um mehr als 30 Mrd. $ steigern könnte. Sollte sich Tesla gegen die Markteinführung von Robotaxis entscheiden, könnte ein Ride-Hail-Dienst allein die Rentabilität des Unternehmens verbessern und nach Schätzungen von ARK letztlich rund 30 % des Unternehmenswertes ausmachen.

Sind die technologischen und gesetzlichen Herausforderungen des autonomen Fahrens gelöst, wird Shared Mobility um ein Vielfaches billiger sein als ein eigenes Auto. Der Preis pro Kilometer wird von derzeit 0,45 € auf schätzungsweise unter 0,15 € für ein autonomes Robo-Taxi fallen.

Marktpotenzial

In Anbetracht der gesellschaftlichen Verschiebungen im Hinblick auf das Auto als Statussymbol, der steigenden Nachfrage nach flexibler und nachhaltiger Mobilität und des zu erwartenden Komforts sowie der Konkurrenzfähigkeit bezüglich der Kosten halten wir diese Einschätzung für realistisch.

Ride-Hailing-Services befinden sich noch ganz am Anfang der Adaption und bieten ein exponentielles Entwicklungspotenzial. Die Akzeptanz am Markt ist insbesondere in Städten bereits vorhanden und wird durch die zu erwartende Kostensenkung mit Einbruch von Elektrifizierung und autonomen Fahren weiter steigen. Elektrifizierung und autonomes Fahren sind zentrale Schlüsseltechnologien, ihre Marktreife könnte den entscheidenden Auslöser für die exponentielle Entwicklung in diesem Bereich bieten.

Gerade der Einsatz autonomer Robo-Taxis könnte für Anbieter die Kosten massiv senken, da der Kostenfaktor Fahrer entfällt und die Auslastung deutlich erhöht werden könnte. Zudem bieten autonome Flotten eine komplett neue Art von Flexibilität und Komfort. Eigenschaften, die von Verbrauchern zunehmend gefordert werden.

Der Think Tank RethinkX geht sogar davon aus, dass der gesamte Mobility-as-a-Service-Bereich innerhalb von 10 Jahren 95 % der zurückgelegten Passagierkilometer abdecken wird. Dies zielt aus unserer Sicht maßgeblich auf vollautonomes Fahren ab.

Fazit

Insgesamt stellt der Bereich Shared Mobility einen Wachstumsmarkt dar und wir erkennen viel Potenzial in dem Geschäftsmodell, getrieben vom Wunsch des Konsumenten nach Flexibilität und einem nachhaltigeren Lebensstil. Diese Entwicklungen bringen unter anderem neue Herausforderungen für Autobauer mit sich. Konnektivität und Unterhaltung während der Fahrt werden schon bald einen höheren Stellenwert einnehmen als Lackfarbe und PS-Zahl. Die Individualisierungs­stragie der deutschen Autobauer, mit der Kunden sich gegen Aufpreis aus diversen Sonderausstattungen ihr Auto konfigurieren können, ist folglich nicht zukunftstauglich. Hinzu kommt, dass durch die höhere Auslastung einzelner Fahrzeuge die Nachfrage nach Autos voraussichtlich insgesamt sinken wird.

Mit Anbruch des autonomen Fahrens werden die Rollen im Bereich Shared Mobility neu verteilt. Es bleibt abzuwarten, welche Rolle aktuell führende Player wie Uber, Lyft oder Didi in einer Welt einnehmen, in der Autobauer die Level 4 oder 5 Autonomie erreicht haben und ihre Autos nicht nur für den Privatgebrauch, sondern auch als Robo-Taxis einsetzen können. Da bislang keiner der Shared Mobility Anbieter im Bereich autonomes Fahren eine Vorreiterrolle eingenommen hat, werden sie sich voraussichtlich über ihre Routenplanungssoftware und ihre Plattform positionieren und mit einem Autobauer zusammentun müssen, der die nötige Kompetenz im Bereich autonomes Fahren mitbringt, um im zukünftigen Shared-Mobility-Markt eine Rolle zu spielen.