Deep-Dive: Software as a Service

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Software as a Service als Treiber für Unternehmertum

Nie waren die Bedingungen, ein Unternehmen zu gründen, besser als heute. Durch die Digitalisierung und neue Technologien wie künstliche Intelligenz, Cloud-Computing und Co. entstehen Innovationen an den verschiedensten Punkten der Wertschöpfungskette. Unser Zugang zu Wissen hat sich komplett gewandelt und die globale Vernetzung bietet zahlreiche Möglichkeiten für neue Unternehmen. Wir sind der Meinung, dass sich die kommenden 20 Jahre vor allem durch Innovationen im B2B-Bereich auszeichnen werden. In den vergangenen 20 Jahren bewirkten Unternehmen wie Airbnb, WhatsApp, Facebook, Netflix und Google Innovationen im B2C-Bereich. Wegen der wirtschaftlichen Anreize der Prozessautomatisierung erwarten wir eine exponentielle Entwicklung im B2B Bereich.

Unternehmen sämtlicher Branchen werden zunehmend zu Technologie-Unternehmen werden. Die digitale Welt braucht neue Infrastrukturen, um die Chancen der Digitalisierung effizient nutzen zu können. Vor allem Europa ist die Heimat vieler global spielender industrieller Weltmarktführer. Für diese Hidden Champions bringen die Entwicklungen im Technologie-Bereich große Chancen, aber auch signifikante Risiken, falls sie den Anschluss verpassen und die Möglichkeiten nicht nutzen.

In den vergangenen Jahren erhielten vermehrt europäische Unternehmen aus dem B2B-Bereich Milliardenbewertungen, etwa Celonis, Personio, Sennder oder UiPath. Analysen zeigen, dass auf Investorenseite das Interesse an B2B-Startups rasant zunimmt, an B2C-Geschäftsmodellen dagegen sinkt es. Laut McKinsey generiert ein europäisches B2B-Startup mehr Wert pro investiertem Euro als ein B2C-Startup. In Zahlen bedeutet dies: Von 2015 bis 2020 wuchs die Anzahl von VC-Investments in B2B-Startups um 149 Prozent, im B2C-Bereich nur um 29 Prozent.

Grafik: Investment Ökosystem

Insgesamt gibt es in Europa ein sehr vielversprechendes Ökosystem für Innovation und Erfolg von B2B-Startups. Vor allem entlang der Wertschöpfungskette von E-Commerce-Unternehmen sehen wir einen sehr spannenden Wachstumsmarkt für Software as a Service (SaaS) für B2B-Geschäfte, was wir mit folgenden Hypothesen erläutern möchten.

Es wird immer einfacher ein Unternehmen zu gründen, denn die Anzahl an Infrastrukturangeboten für Software as a Service nimmt stetig zu.
Hypothese 1

Wir haben es schon verraten: Nie war es einfacher als heute, ein Unternehmen zu gründen. Noch vor einigen Jahren stellte es für viele aufstrebende Unternehmen eine enorme Herausforderung dar, eine Software-Infrastruktur aufzubauen. Die Verwaltung eigener Rechenzentren, die Implementierung komplexer on-premise Softwarelösungen, strategische Partnerschaften mit Finanzinstituten und anderen externen Stakeholdern – all dies gehörte zum Unternehmensaufbau dazu. Eine teamübergreifende Echtzeit-Kollaboration in einem Tool war oftmals nicht denkbar. Mit Amazon als Online-Marktplatz haben Händler nun die Möglichkeit, ohne eigenen Webshop Waren im Internet zu vertreiben. Dies erleichtert es, innerhalb kürzester Zeit und mit nur wenigen Ressourcen eine eigene Online-Verkaufsplattform aufzubauen.

Dank der Cloud (AWS, Azure und andere) hat sich der gesamte Softwarebereich bahnbrechend entwickelt. Software as a Service ermöglicht heute als völlig neues Businessmodell eine flexible Nutzung von Softwarelösungen ohne hohe Upfront-Kosten. Das minimiert die initialen Investitionen und somit das Risiko für Gründer und Unternehmer. Damit steigert es maßgeblich die Anzahl der Neugründungen, was den Markt für Software as a Service wachsen lässt.

Einer der bekanntesten Infrastrukturplayer im Markt ist Shopify, das cloudbasierte Betriebssystem hinter vielen individuellen E-Commerce-Shops. Früher kostete es viel Zeit und hohe Web-Entwickler-Gehälter, einen eigenen Webshop aufzubauen. Mit Shopify können dies Händler heute eigenständig innerhalb von Minuten tun. Zahlungen können über Shopify Payments abgewickelt werden. Shopify kommuniziert hierbei direkt mit den Zahlungsanbietern, sodass Händler keine eigenen Accounts bei Kreditkartenemittenten oder anderen Zahlungsabwicklern anlegen müssen. Über Shopify Fulfillment soll nun auch der Versand der Ware und das komplette Fulfillment für die Händler abgewickelt werden. So erweitert Shopify stetig die Palette an Services und hilft wachsenden Unternehmen dabei, ihre Prozesse zu skalieren. Die Shopify-Plattform übernimmt Routineaufgaben und gibt Unternehmern die Zeit, sich auf den Aufbau einer Marke, des Teams und auf die Produktentwicklung zu konzentrieren. Das Beispiel von Wil Yeung zeigt sehr anschaulich, wie einfach sich mit Shopify ein eigenes Business aufbauen lässt: Als Youtuber mit einem Koch-Kanal und über 300.000 Abonnenten suchte Wil während der Pandemie einen Weg, seine Reichweite zu monetarisieren und richtete innerhalb weniger Wochen einen E-Commerce-Shop für Kochbücher und Kochkurse ein.

Grafik: Fokus auf den Verkäufer

Es werden immer mehr spezifische Lösungen für bestimmte Bereiche entlang der Wertschöpfungskette entstehen.
Hypothese 2

Shopify oder Amazon bieten die Grundinfrastruktur für E-Commerce-Unternehmen. Daneben gibt es unzählige weitere Software-Lösungen, die branchenübergreifend sowohl im B2C- als auch im B2B-Bereich wachsende Unternehmen bei der Automatisierung einzelner Prozesse unterstützen. Egal, ob es sich um Warenwirtschaft, Kunden- und Sales-Management, Kommunikation oder das Vertragswesen handelt – durch moderne Software as a Service lassen sich sämtliche Prozesse entlang der Wertschöpfungskette deutlich schneller, kostengünstiger und reibungsloser implementieren.

Die Wertschöpfungskette umfasst dabei alle Aufgabenbereiche, die beim Aufbau eines Unternehmens anfallen. So können Gründerteams und Unternehmer in sämtlichen Bereichen auf bestehende Softwarelösungen zurückgreifen, von der Produktion zu Warehousing, von Logistik, Sales, Marketing über HR zu Finanzen können die gängigen und wiederkehrenden Herausforderungen automatisiert und Prozesse von Beginn an effizient aufgebaut werden. Das spart nicht nur Kosten, sondern schafft vor allem auch Zeitkapazitäten für die Entwicklung der eigenen Produkte.

Für den Markt von Software as a Service ergeben sich hieraus viele spannende Felder, in denen Softwareunternehmen sich durch herausragende Lösungen positionieren können. Wir gehen davon aus, dass entlang der Wertschöpfungskette eine Vielzahl weiterer individueller Softwarelösungen entstehen wird.

Im Bereich Sales und Customer Relationship Management ist beispielsweise das 1999 gegründete Unternehmen Salesforce mit 19,8 Prozent Marktanteil Vorreiter. Bereits heute zeichnet sich schon eine spannende zweite Generation von CRM-Systemen ab. Unternehmen wie Hubspot, Pipedrive oder SugarCRM richten sich speziell an Startups und KMUs, also an wachsende Unternehmen. Durch die Bandbreite an Funktionalitäten können Unternehmen mit Hubspot beispielsweise ihre Prozesse im Bereich Vertrieb und Marketing sehr einfach, vernetzt und teamübergreifend abbilden. Der Vorteil dieser cloudbasierten Lösungen: Ein Nutzer startet oft mit einer freien Basisversion und bucht je nach Bedarf weitere Funktionalitäten modular hinzu.

Auch in sehr spezialisierten Bereichen wie dem Vertragsmanagement gibt es Lösungen mit großem Potenzial. Ein besonders spannender Player ist aus unserer Sicht DocuSign. Was als Produkt zum Unterschreiben von digitalen Verträgen startete, transformiert sich zunehmend in eine Plattform rund um Vertragsmanagement. Dabei stehen Funktionalitäten wie KI-basierte Auftragsanalytik oder ein Online-Notar-Service auf der Agenda. DocuSign deckt in seinem derzeitigen Kerngeschäft bereits 70 Prozent des Marktes ab. 90 Prozent der Fortune-500-Unternehmen nutzen DocuSign, was ein enormes “Land-and-Expand”-Potenzial für das Unternehmen und seine zukünftigen Funktionalitäten suggeriert.

Wir glauben an einen offenen und integrativen Schnittstellenansatz, bei dem sich Kunden ein Softwarekonstrukt aus den besten Lösungen nach individuellen Bedürfnissen zusammenstellen können.
Hypothese 3

Auch im ERP-Bereich gibt es neben den großen Anbietern wie SAP eine neue Generation cloudbasierter Lösungen, die oftmals Startups und KMUs fokussieren, beispielsweise das Freigeist-Portfolio-Unternehmen Xentral. Mit Freigeist begleitet das Investment Committee der 10xDNA Capital Partners Xentral seit 2018 bei der Expansion und ist nach tiefgreifenden strategischen Analysen zu dem Ergebnis gekommen, dass ein integrativer Schnittstellenansatz der richtige Weg für heutige Anbieter von Software as a Service ist.

Wir gehen davon aus, dass ​​ein Anbieter von Software as a Service nie alle Aufgaben entlang der gesamten Wertschöpfungskette auf einer einzigen, eigenen Produktplattform abbilden wird. Wegen der steigenden Anzahl an Entwicklern und Einzellösungen ist dies äußerst unrealistisch.

Stattdessen sollten Unternehmen sich auf ihren Kernbereich fokussieren und dort die beste Softwarelösung bereitstellen. Für alle weiteren Bereiche sollten sie Schnittstellen zu anderen führenden Lösungen anbieten. Diese Hypothese lässt sich auch auf den öffentlichen Markt übertragen.

Das stetig wachsende Shopify-Ökosystem bietet ebenfalls zahlreiche wertstiftende Schnittstellen. Derzeit besteht die Plattform aus 6.600 Partner-Apps sowie 45.800 Ökosystem-Partnerschaften und bietet Shopify-Kunden somit sämtliche Tools, um ihr Geschäft über mehrere Kanäle zu verwalten. Über Anbindungen zu Facebook und Google arbeitet Shopify unter anderem daran, den Traffic seiner Kunden und somit die Akquisition neuer Kunden für Händler zu vereinfachen.

Auch im Bereich der Kundenkommunikation spielen Schnittstellen, sogenannte APIs, eine große Rolle. Sogenannte CaaS-Plattformen (Communication-as-a-Service) wie Twilio oder Five9 bieten eine cloudbasierte Infrastruktur für die Automatisierung und Integration von verschiedenen Kommunikationskanälen mit einer Vielzahl an API-Schnittstellen zu Messangerservices wie Whatsapp, SMS oder Facebook-Messanger, die sich auf der CaaS-Plattform zusammenführen lassen. So lassen sich die Kundenanfragen von unterschiedlichen Kanälen auf einem Interface aggregieren und die Kommunikation mit dem Kunden läßt sich zentral steuern.

Durch die Schnittstellen und die vielen einzelnen Anbieter wird es nötig, die Daten zusammenzuführen und nutzbar zu machen. Daraus entsteht eine neue Ära der Daten-Aggregatoren wie Palantir.
Hypothese 4

Mit zunehmender Digitalisierung steigt auch die Datenmasse, die verwaltet und im Idealfall für KI-Anwendungen und Prozessoptimierungen nutzbar gemacht werden muss. Mit seinen Plattformen Gotham und Foundry bietet Palantir seinen Kunden die Möglichkeit, digitale Zwillinge von komplexen Prozessen wie der Wertschöpfungskette zu erstellen. Dazu verknüpft Palantir Daten verschiedenster Quellen und überwacht diese automatisiert in Echtzeit. So kann zum Beispiel bei Problemen in der Lieferkette sofort eingegriffen werden. Airbus setzt die Palantir-Software auf ihrer Skywise-Plattform ein, um Sensordaten, Wetterdaten und Verbrauchswerte zusammenzuführen und so zum Beispiel fehlerhafte Bauteile frühzeitig zu erkennen und auszutauschen. Durch besseres Monitoring lassen sich gerade im Luftfahrtsektor Kosten in Millionenhöhe einsparen, da Flugausfälle vermieden werden können.

Palantir ist die Weiterentwicklung einer Software des Paypal Co-Founders Peter Thiel, die den Zahlungsanbieter vor Zahlungsbetrug auf der Plattform schützen sollte. Hierfür kombinierte das Team Daten aus unterschiedlichen Informationsquellen, um betrügerische Transaktionen vor Abschluss identifizieren zu können. Heute ist aus der Idee ein eigenes Unternehmen geworden. Das Ziel von Gründer Alex Karp ist es, DAS Betriebssystem für die Data Economy zu werden und Palantir zum größten Softwareunternehmen der Welt zu machen.

Auch UiPath ermöglicht seinen Kunden die digitale Transformation, indem es oftmals intransparente Prozesse datengetrieben sichtbar macht und mit seiner RPA-Technologie (Robotic-Process-Automation) manuelle Prozessschritte automatisiert. So können beispielsweise ein Chatbot und ein Roboter zusammenarbeiten und den ersten Kundenkontakt übernehmen und Kundendaten einpflegen. Das entlastet den Kundenservice und verhindert menschliche Fehler in der Datenpflege, es eliminiert hohe Kosten für repetitive Aufgaben und bildet Prozesse schneller und sauberer ab.

Ein spannendes Modell auf dem privaten Markt ist das deutsche Unternehmen Celonis, das nach seiner jüngsten Finanzierungsrunde von 820 Millionen Euro mit 9,1 Milliarden Euro bewertet wird, was erneut die steigende Relevanz von B2B-Software verdeutlicht. Celonis hat ein Software-Tool entwickelt, das mit Schnittstellen Geschäftsprozesse datengetrieben analysiert und Schwachstellen in Prozessen aufgedeckt. Durch das sogenannte Process Mining lassen sich, ähnlich wie bei UiPath, Prozesse transparenter und effizienter abbilden.

Fazit

Wir gehen davon aus, dass das zunehmende Interesse an Unternehmen, die B2B Software as a Service anbieten, das wir seit einigen Monaten im Venture Capital Markt beobachten, sich auch auf den öffentlichen Markt übertragen wird.

Jedes Unternehmen wird sich – zumindest partiell – in ein Technologieunternehmen verwandeln müssen, um in einer digitalisierten Zukunft bestehen zu können. Dadurch wird die Nachfrage nach B2B-Lösungen im Softwarebereich stetig wachsen. Entlang der gesamten Wertschöpfungskette entstehen sowohl spezialisierte als auch prozessübergreifende Softwarelösungen, die es Unternehmen ermöglichen werden, ihre Prozesse effizienter zu gestalten. Wir glauben an einen offenen Schnittstellenansatz, bei dem der Kunde sich die für ihn besten Lösungen zusammenstellen kann. Daher liegt unser Fokus vor allem auf Unternehmen, die sich auf einen Bereich der Wertschöpfungskette spezialisieren und dort die beste Lösung anbieten, anstatt einen möglichst breiten Teil der Wertschöpfungskette oder eine ganze Plattformlösung anbieten zu wollen. Darüber hinaus sehen wir den Bereich der Daten-Aggregatoren, die sich darauf spezialisieren, Daten zusammenzuführen und nutzbar zu machen, als sehr spannend an.